Lichterfelde
Weiß-Blau in Lichterfelde
Verein der Bayern in Berlin feierte am Hindenburgdamm sein 150-jähriges Bestehen

06.10.2026: Wer am Hindenburgdamm spazieren geht, rechnet kaum mit Alphörnern, Schuhplattlern und einer Almhütte. Doch im Lichterfelder Kiez hat dieses Stück süddeutsche Kultur seit fast neun Jahrzehnten eine feste Adresse. Die Wurzeln reichen sogar noch deutlich weiter zurück: Vor 150 Jahren, im Jahr 1876, gründeten bayerische Zuzügler in Berlin eine Gemeinschaft, um in der wachsenden Reichshauptstadt ein Stück Heimat zu bewahren. Mitte September blickte der Verein der Bayern in Berlin e.V. auf dieses seltene Gründungsjubiläum zurück.
Vom 11. bis zum 13. September verwandelte sich das Vereinsgelände am Hindenburgdamm 7 in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten, für die der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Schirmherrschaft übernommen hatte. Das Programm spiegelte die lange Geschichte des Brauchtumsvereins wider: Den Auftakt bildete am Freitag ein Heimatabend mit befreundeten Gastvereinen aus dem In- und Ausland. Am Samstag zogen die Mitglieder im Kirchzug zu einem ökumenischen Gottesdienst, ehe am Nachmittag der offizielle Festakt im Zelt folgte. Mit böhmischer Blasmusik und Trachtentanz klang das dreitägige Jubiläum am Sonntag Uhr aus.

Vom Tempelhofer Feld an den Hindenburgdamm
Die Lichterfelder Heimat ist für den Verein, der heute als ältester aktiver Trachtenverein im Deutschen Trachtenverband gilt, die längste Station seiner Historie, aber nicht die erste. Nach der Gründung trafen sich die Mitglieder zunächst in wechselnden Berliner Lokalen, ehe 1924 ein Pachtgelände am Tempelhofer Feld bezogen wurde – dort richtete man im selben Jahr auch das erste vereinsinterne Oktoberfest aus. 1937 erfolgte schließlich der Umzug nach Lichterfelde, wo bis heute Maifeiern, Sonnwendfeiern und Trachtenfeste stattfinden.
Geschichtsbewusstsein statt reiner Folklore
Dass das Jubiläum nicht nur als bunte Brauchtumsschau begangen wurde, lag am Anspruch des Vorstands, auch die Brüche der Vereinschronik offenzulegen. 1934 lösten die Nationalsozialisten den Verein auf und überführten ihn unter neuem Statut in die gleichgeschaltete „Landsmannschaft der Bayern in Berlin“. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, die Selbstbestimmung des Vereins unterbunden. Erst nach 1949 konnte die ursprüngliche Satzung wieder in Kraft gesetzt werden.
Gleichzeitig weist die Vereinsgeschichte bemerkenswerte Verbindungen zum deutschen Widerstand auf. Mitglieder wie der bayerische Gesandte Franz Sperr bauten den regimekritischen „Sperrkreis“ auf und hielten Kontakt zum Kreisauer Kreis. Gemeinsam mit weiteren Vereinsmitgliedern, darunter die früheren Reichsminister Eduard Hamm und Otto Geßler, opponierten sie gegen das NS-Regime. Sperr und Hamm bezahlten ihre Beteiligung am Umfeld des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 mit dem Leben: Sperr wurde in Berlin-Plötzensee hingerichtet, Hamm starb in Gestapo-Haft. Geßler überlebte die Internierung im Konzentrationslager Ravensbrück.
Mit dem Festwochenende im September hat der Verein der Bayern in Berlin gezeigt, wie sich ein langes Vereinsleben im Berliner Südwesten verankern lässt – mit gelebter Tradition, aber auch mit dem nötigen Respekt vor der eigenen, wechselvollen Vergangenheit.

