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Nikolassee

Vom Haus Freudenberg zum Nikolashof

Glanzvolle Architektur und familiäre Tragik

Das Haus Freudenberg wurde 1908 erstmals bezogen.
Das Haus Freudenberg wurde 1908 erstmals bezogen.

01.10.2026: Wer an der Potsdamer Chaussee in Nikolassee entlang geht, bewundert oft das Haus mit der Nummer 48, heute „Nikolashof“. Doch hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich eine bewegte und zutiefst tragische Geschichte, die erst durch eine späte Erinnerung vor zehn Jahren wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde.

Villa für Modehaus-Inhaber

Die Historie des Anwesens begann Jahrzehnte zuvor glanzvoll. Im Jahr 1908 bezog der Kaufmann Hermann Freudenberg, Mitinhaber des damals berühmten Berliner Modehauses Gerson samt Familie, die neu errichtete, repräsentative Villa. Entworfen hatte sie der Architekt Hermann Muthesius. Der Architekt, der sein eigenes Wohnhaus gleich nebenan an der Nummer 49 baute, prägte Nikolassee maßgeblich. Inspiriert von seiner Zeit in London, schuf Muthesius ein zweigeschossiges Backsteingebäude mit tief heruntergezogenem Walmdach – ganz im Stil eines englischen Landhauses.

Muthesius verzichtete auf protzige Elemente. Das Haus sollte ein echtes, lichtdurchflutetes Zuhause für die große Familie sein, mit unverbautem Blick auf die Rehwiese. Im Inneren zeugten erlesene Hölzer und eine beeindruckende Kunstsammlung mit Werken von Vincent van Gogh und Max Liebermann vom Reichtum und Kulturverständnis der Bewohner.

Flucht und Zwangsversteigerung

Doch die großbürgerliche Idylle zerbrach nach der Machtergreifung. Nach dem Tod des Bauherrn im Jahr 1924 blieb das Haus zunächst im Familienbesitz, bis die politische Lage die jüdischen Bewohner in die Flucht trieb. 1934 verließen Helene Mayer, geborene Freudenberg und ihr Ehemann Hermann mit ihren Töchtern Deutschland in Richtung Niederlande. Ihre Villa in Nikolassee wurde 1935 zugunsten der Stadt Berlin zwangsversteigert und „arisiert“. Ein Architekt wandelte das Gebäude später in eine Kurklinik um.

Die Flucht bot der Familie Mayer keinen dauerhaften Schutz. Trotz verzweifelter Bemühungen, als formelle Staatsbürger El Salvadors rettende Papiere zu erhalten, wurden die Eheleute in Konzentrationslager deportiert. Beide Töchter wurden in Auschwitz ermordet. Hermann Mayer starb 1945 in Bergen-Belsen. Helene Mayer befand sich im April 1945 im berüchtigten „Verlorenen Transport“ nach Theresienstadt. Sie wurde zwar von sowjetischen Soldaten befreit, erlag aber wenig später den gesundheitlichen Folgen der Deportation.

Abriss verhindert

Das Haus Freudenberg selbst überstand den Zweiten Weltkrieg. Dass es heute überhaupt noch an der Potsdamer Chaussee steht, ist engagierten Menschen wie der Stadtplanerin Anna Teut und dem Architekturhistoriker Julius Posener zu verdanken. Sie verhinderten 1971 den drohenden Abriss. Im Jahr 1975 wurde das Gebäude schließlich durchgreifend umgebaut, in Wohnungen unterteilt und das Grundstück unter dem Namen „Nikolashof“ neu bebaut. Von der einst prächtigen Gartenanlage mit Tennisplatz und Teehaus zeugt heute nur noch die Eingangsallee.

Stolpersteine für frühere Bewohner

Im April 2016 wurden vor dem Grundstück vier Stolpersteine in den Boden gelassen. Sie sind dem Gedenken an die Familie Mayer gewidmet: Helene und Hermann Mayer sowie ihren Töchtern Bertha und Margarete.

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