Steglitz
Fünfzig Jahre Bierpinsel
Hinter der Fassade herrscht weiterhin Stillstand

22.09.2026: Am 13. Oktober 1976 öffnete das futuristische Turmrestaurant an der Schloßstraße zum ersten Mal seine Türen. Fünfzig Jahre später ist der „Bierpinsel“ aus dem Stadtbild von Steglitz nicht mehr wegzudenken. Doch statt festlicher Betriebsamkeit prägen Leerstand und Debatten über die Zukunft das Jubiläum des denkmalgeschützten Bauwerks.

Baum oder Pinsel
Als das Architektenpaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das 47 Meter hohe Gebäude in den 1970er-Jahren entwarf, dachten sie an die Form eines stilisierten Baumes, der die Joachim-Tiburtius-Brücke optisch auflockern sollte. Die Berliner sahen in der markanten Pop-Art-Architektur jedoch eher einen Rasierpinsel. In Kombination mit der dortigen Gastronomie etablierte sich rasch der Spitzname „Bierpinsel“.
Jahrzehntelang war der Turm ein beliebter Treffpunkt mit wechselnden Restaurants, Cafés und einer Diskothek. Seit Anfang der 2000er-Jahre steht das Gebäude jedoch weitgehend leer, was im Bezirk regelmäßig die Frage aufwirft, wie es mit der Betonikone weitergehen soll.

Protest und Besetzung
Wie sehr dieses Thema die Gemüter im Kiez bewegt, zeigte sich im vergangenen Jahr. Am frühen Morgen des 18. Oktober 2025, gegen 4.30 Uhr, drang eine Gruppe von rund 20 Aktivistinnen und Aktivisten unbemerkt in das Gebäude ein. Sie wurden von zahlreichen Sympathisanten unterstützt. Unter dem Slogan „Bierpinsel für alle“ protestierten die Menschen gegen den langjährigen Leerstand und Immobilienspekulationen in Berlin. Ihr erklärtes Ziel war es, ein selbstverwaltetes Gemeinschaftszentrum und unkommerzielle Treffpunkte im Bezirk zu schaffen. Die Besetzung wurde wenige Stunden später von der Polizei beendet.

Wie sieht die Zukunft des Turms aus?
Der Eigentümer Götz Fluck, der den Turm 2021 erwarb, plant eine Sanierung sowie eine künftige Nutzung für Büroräume und universitäre Zwecke. Auch die Rückkehr von Gastronomie im obersten Stockwerk ist vorgesehen, um das Bauwerk wieder öffentlich zugänglich zu machen. Dennoch gestaltet sich der Fortschritt auch aufgrund der komplizierten Eigentümerverhältnisse rund um das Ensemble schwierig. Während der Turm in Privatbesitz ist, gehören die Brücke dem Land Berlin und der darunterliegende U-Bahnhof der BVG. Ein weiterer Knackpunkt ist, dass das Gebäude den heutigen Brandschutzbestimmungen nicht entspricht, ein Umbau aber aufgrund des Denkmalschutzes bisher abgelehnt wird. Mittlerweile wird es rund um den Bierpinsel gefährlich - so fielen an einem Sonntagabend im September Fassadenteile aus 30 Meter Höhe auf den Gehsteig. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

Auch fünfzig Jahre nach seiner Eröffnung bleibt der Bierpinsel ein Symbol für Steglitz – derzeit allerdings weniger als Ort der Begegnung, sondern vielmehr als offene Zukunftsfrage für den Bezirk.
