Gazette Verbrauchermagazin
Steglitz

10 Jahre Nähwerkstatt Steglitz

Geschützter Sozialbetrieb mit Kundenverkehr lädt ein

10.07.2026: Am 2. September ist es soweit: Die Nähwerkstatt der Reha-Steglitz gGmbH feiert bei freiem Eintritt in der Zeit von 12 – 16 Uhr ihr zehnjähriges Bestehen in der Bergstraße 1.

Und auch der Nachbar und Teamkollege – die Saitenschiff-Musikinstrumente-Reparaturwerkstatt – öffnet an diesem Tag weit seine Türen für Kunden, Freunde, Kooperationspartner, Kollegen und Patienten. Erwartet werden zum Jubiläumsfest außerdem Vertreter aus Bezirk und Politik.

Was im Kleinen vor fast 30 Jahren im Tageszentrum am Lankwitzer Kamenzer Damm mit der Idee entstand, den Kleiderabgabe- und Nähbereich zu erweitern, und mit einem ersten Nähauftrag über 600 Stoffherzen für einen Münchner Buchverlag startete, ist in der Bergstraße in der ehemaligen Paketabholhalle der Alten Post nach umfangreichen Um- und Ausbauten perfekt weiterentwickelt worden. Seit mehr als 10 Jahren bietet die Nähwerkstatt hier nun vielen Menschen einen geschützten Arbeitsbereich, der sich durch Stabilität, Struktur und Selbstwirksamkeit auszeichnet. Nicht selten kommen die Klienten aus einem geregelten Arbeitsleben, wo sie Opfer von Mobbing und/oder Burnout wurden. In ausgeglichener Atmosphäre ermöglicht dieser geschützte Ort der Eingliederungsmaßnahme nun gleichzeitig individuelle Werkstattfertigung und fairen Ladenverkauf einzigartiger Manufaktur-Produkte, aber dabei auch das Knüpfen von Freundschaften und das Zusichselbstfinden der Mitarbeitenden, denen hier in diesem Zuverdienstbetrieb ohne Druck mit viel Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen begegnet wird. – Nicht zuletzt dank des sowohl fachlich als auch sozial professionellen dreiköpfigen (An)leitungsteams, das sich aus Modedesignerinnen, Modenäherin, Damenschneiderin im Handwerk und Ergotherapeutin zusammensetzt. Aus dem Mode- und therapeutischen Bereich kommend, bringen Hava Özen, Nicola Brinkmann und Anne Hübner das nötige Rüstzeug zur Anleitung der Mitarbeitenden mit. Dabei arbeiten sie eng mit Sozialarbeiter-Kollegen zusammen.

Anne Hübner, Nicola Brinkmann, Hava Özen:Foto: Nähwerkstatt
Anne Hübner, Nicola Brinkmann, Hava Özen. Foto: Nähwerkstatt

Eingliederung und Selbstbestätigung

„Der Schwerpunkt unseres geschützten Arbeitsbereiches liegt in der Betreuung“, erklärt Anne Hübner und lenkt damit den Focus auf die über Stufen-Maßnamen beschäftigten Mitarbeitenden, die für ihre Arbeit eine finanzielle Motivationszuwendung erhalten. Die von der Reha-Steglitz gGmbH entwickelten Arbeitsangebote in der Nähwerkstatt verfolgen das Ziel, psychisch erkrankten und labilen Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten über eine sinnvolle Beschäftigung in geschütztem Rahmen einen wesentlichen Faktor sozialer Integration und psychischer Stabilisierung bieten zu können. Was vor einem Jahrzehnt mit vier als Näherinnen beschäftigten Klienten begann, zählt aktuell fast 40 tätige Klienten ab 18 Jahren Plus aus verschiedenen Maßnahmen, darunter vier Männer. Das derzeitige Durchschnittsalter der Mitarbeitenden liegt zwischen 45 und 60 Jahren. Auf der Warteliste stehen bereits weitere potentielle Interessenten. Sie finden meist über den sozialpsychologischen Dienst, über Kliniken oder Tageszentren zur Arbeitsmöglichkeit in der Nähwerkstatt. Ziel ist dabei, diese Menschen zu stabilisieren, ihre Ängste abzubauen und sie darin zu unterstützen, soziale Kontakte aufzubauen. Nicola Brinkmann erklärt: „Unsere Mitarbeitenden kommen ganz nach ihrer Möglichkeit unterschiedlich arbeiten: Wöchentlich für ein, zwei oder drei Tage jeweils für drei Stunden.“ Dabei bleiben manche für ein paar Monate dabei, andere sind jahrelang oder gar von Anfang an geblieben.

Alles so schön bunt hier!
Alles so schön bunt hier!

Sie arbeiten in festen Achtpersonen-Gruppen in Wochenstruktur, mit Pausenzeiten und monatlicher Arbeitsbesprechung, sodass sich unter den Gleichgesinnten kollegiale Verhältnisse bis hin zur Freundschaft entwickeln können. Einmal im Jahr geht’s auf Betriebsausflug und auch die Weihnachtsfeier gehört längst zum festen Ritual. Die Arbeitsbereiche betreffen je nach Interesse und auf Freiwilligenbasis den Näh- und Fertigungsbereich, aber auch den Verkauf im angegliederten Laden, auf hauseigenen Märkten oder im Ökowerk. „Dabei sind wir stets offen für Ideen und Vorschläge unserer Klienten, wenn sie neue Produkte oder Präsentationsformen betreffen“, betont Anne Hübner. Seit Kurzem ist die Nähwerkstatt mit ihrem Produktangebot auch Online bei Etsy vertreten, damit bietet sich Mitarbeitenden ein weiteres spannendes Betätigungsfeld.

Industrienähmaschinen stehen für unkomplizierte Arbeitsvorgänge bereit, und dank fertiger Schnittvorlagen finden auch Klienten ohne schneiderische Vorkenntnis unkompliziert in einen erfolgversprechenden Arbeitsablauf. Zubehör wie gespendete Stoffe und sogenannte Kurzwaren wie Reißverschlüsse, Knöpfe, Garne und Bänder oder Spitzen aus Geschäftsauflösungen sind stets willkommen und fördern ressourcenschonendes Upcycling, das die Nähwerkstatt mit ihrer Arbeit verfolgt.

Welchen Schnitt nehmen wir?
Welchen Schnitt nehmen wir?

Eigenproduktion mit Herz und kreativer Mitgestaltung

Betritt man in der Bergstraße 1 den verkehrsgünstig gelegenen Laden der Nähwerkstatt, weiß man eigentlich nicht, wohin man seine Augen zuerst wenden soll: Bereits vor dem Eingang grüßen liebevoll selbstgefertigte Schultüten zukünftige kleine Schulbesucher, auch Sonderwünsche in Lieblingsfarbe und mit Namenszug werden rechtzeitig vor Schulbeginn angenommen. Die Stoffüberzüge der Schultüten besitzen eine Besonderheit: Nach dem großen Tag können sie vom Pappinlett abgezogen und als Kissenbezüge für Kuschelkissen kleine Schläfer nachhaltig weiter begleiten.

Doch noch so viel mehr bietet der Verkaufsbereich, der sich vor der eigentlichen, mit bunten Garnen, Stoffen und Knopfsortiment zum entspannten Mitarbeiten lockenden Nähwerksatt präsentiert: Beliebt bei Stamm- und Laufkundschaft sind Kosmetiktaschen in allen Farben und Größen, Kuschel- und Zierkissen, aber auch Schürzen, Turnbeutel, Taschen und Mäppchen jeder Art. Aber auch eigene Wünsche der Kunden werden berücksichtigt, die manchmal ihren eigenen Stoff mitbringen, woraus dann in der Nähwerkstatt das gewünschte Stück gefertigt wird. So sind Toasterhüllen beliebte Auftragsarbeiten, aber auch Puppendeckchen und Namensstickereien.

Schultüten können in er Nähwerkstatt fertig gekauft oder (rechtzeitig) individuell in Auftrag gegeben werden:
Schultüten können in er Nähwerkstatt fertig gekauft oder (rechtzeitig) individuell in Auftrag gegeben werden.

Auch „größere“ Stammkunden gibt es, wie den Tischler, der regelmäßig in der Nähwerkstatt Wickelauflagen und Nestchen für seine selbstgebauten Wickelkommoden ordert oder die Kita, die Wickelbeutel und Schnuffeltücher für Neugeborene bestellt. Und ein ganz neuer Kunde lässt für Musikinstrumente Stoffhüllen fertigen. „Wir sind damit schon ein kleines Logistikunternehmen“, betont das Leitungsteam stolz, das sich darauf freut, am 2. September gemeinsam mit seinen ehemaligen und aktuellen Mitarbeitenden diesen gemeinsamen Erfolg feiern zu können.

Die Nähwerkstatt Bergstraße 1, 12163 Berlin, Telefon: 030 – 319 805 – 164, E-Mail: naehwerkstatt@reha-steglitz.de, www.naehwerkstatt-berlin.de, Öffnungszeiten: Mo. 13.30 – 16.30 Uhr, Di., Do. 9.30 – 12 Uhr und 13.30 – 16.30 Uhr, Mi. 9.30 – 14.30 Uhr, Fr. 11 – 14.30 Uhr und nach Vereinbarung

Jacqueline Lorenz

Titelbild

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