Gazette Verbrauchermagazin
Zehlendorf

Selbsthilfe macht stark

Seit über 40 Jahren setzt der Mittelhof auf Miteinander und Mitgefühl

Weg zur Selbsthilfe. Foto: Mittelhof
Weg zur Selbsthilfe. Foto: Mittelhof

09.07.2026: Eigentlich möchte man mit seinen Problemen alleine fertig werden, niemanden damit belasten. Doch was tun, wenn man mit seinem Latein am Ende ist, beispielsweise sich als Pflegender überlastet total energielos fühlt oder als Mutter eines AD(H)S-Kindes selbst keine Ruhe mehr findet? – Gut, wenn es da Selbsthilfegruppen gibt, die auf Austausch, Mitgefühl und Miteinander setzen. Als freiwilliger, gleichberechtigter Zusammenschluss von Menschen mit denselben Problemen wie Krankheit, Lebenskrise oder psychische Belastung bieten sie gegenseitige Unterstützung, wobei der Fokus auf regelmäßigem Erfahrungsaustausch und gemeinsamer Problembewältigung liegt, und das meist ohne professionelle Leitung. Im Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist dafür der Mittelhof e. V. gut organisierte Anlauf- und Kontaktstelle seit über 40 Jahren. Die Selbsthilfe-Kontaktstelle Steglitz-Zehlendorf ist eine Einrichtung des Trägers Mittelhof e. V. Sie ist Selko-Mitglied im Dach- und Fachverband der Berliner Selbsthilfe-Kontaktstellen und der Kontaktstellen PflegeEngagement. Gefördert wird sie durch die Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales sowie von der Arbeitsgemeinschaft der Berliner Krankenkassen und Kassenverbände.

(v.l.n.r.) Immer ein offenes Ohr für Selbsthilfe-Suchende: Praktikantin Wilma Fuhrmann mit Andrea Naumann-Bülow und Alina Becker von der Mittelhof Selbsthilfe-Kontaktstelle.
(v.l.n.r.) Immer ein offenes Ohr für Selbsthilfe-Suchende: Praktikantin Wilma Fuhrmann mit Andrea Naumann-Bülow und Alina Becker von der Mittelhof Selbsthilfe-Kontaktstelle.

Gelebte Solidarität und Teilhabe statt Dienstleistung

Was 1985 im Mittelhof mit aktiven Menschen wie Marina Schnurre und Gerd Schmitt und mit den ersten von ihnen ins Leben gerufenen Selbsthilfegruppen für an Krebs erkrankte Frauen und ambitionierte Fahrradbastler begann, hat sich längst weiterentwickelt und zahlreiche Selbsthilfegruppen zu unterschiedlichsten Themen hervorgebracht. Gerade die Villa Mittelhof mit Gartenhaus bietet dafür passenden Raum zum Durchatmen ohne Hektik, um – im Austausch mit und gestützt von ähnlich Betroffenen – wieder zu sich selbst und zu einer Problemlösung und besseren Krankheitsverarbeitung zu finden. Zusammenkommen, um sich gegenseitig zu (unter)stützen, das ist die DNA, aus der heraus sich der Mittelhof e. V. ursprünglich gegründet hat, heute unverzichtbare Grundlage aller Selbsthilfegruppen. Geschäftsführer Markus Schönbauer entwickelt diesen Gedanken weiter, indem er erklärt. „Selbsthilfe ist essentieller Bestandteil der sozialen und gesundheitlichen Angebote Berlins.“ Gelebte Solidarität und Teilhabe stehen dabei ganz oben, verlangen aber von den Teilnehmenden einer Gruppe auch Mut und Vertrauen dazu, sich vor anderen zu öffnen und sich zu zeigen, wie man wirklich ist. Dabei sollte man sich auch für die Probleme und Anliegen der anderen Teilnehmenden öffnen und ihnen unvoreingenommen begegnen, bzw. gemeinsam mit ihnen Lösungswege erarbeiten wollen. Menschen, die stark auf sich fokussiert oder sehr introvertiert sind, finden eventuell zögernden Zugang zu Selbsthilfegruppen. – Eine „Schnupperstunde“ in der jeweiligen Selbsthilfegruppe kann da hilfreich sein, wie die Mittelhof-Kontaktstelle aus Erfahrung rät.

Impulsgeber zur Selbsthilfe

Sozialpädagogin Andrea Naumann-Bülow von der Selbsthilfe Kontaktstelle Mittelhof e. V. bringt im Gespräch mit der GAZETTE Selbsthilfe auf den Punkt: „Menschen kommen zusammen, um sich gemeinsam Problemen zu stellen und mithilfe ihrer menschlichen Ressourcen sich selbst zu helfen. Dabei setzen sie Dinge in Bewegung und entwickeln sie kraftvolles Empowerment. Ziel ist es, aus der eigenen Bubble herauszukommen und andere ähnlich betroffene Menschen kennenzulernen.“ An Andreas Seite in der Kontaktstelle an diesem Tag dabei sind Sozialpädagogin Alina Becker und Wilma Fuhrmann, Praktikantin für ein Jahr und Studierende der Sozialen Arbeit. Berlin- und Brandenburg-weit vermitteln sie Selbsthilfegruppen, die sich an möglichst verkehrsgünstig gelegenen Orten wie der Villa Mittelhof treffen. Dazu kooperiert die Kontaktstelle Mittelhof mit sozialen Einrichtungen wie dem NBH Wannseebahn, dem Nachbarschaftsladen Berlinickestraße oder dem Kieztreff der Thermometersiedlung. Sie bietet Räume, Beratung, Unterstützung und Orientierung für Menschen, die eine Selbsthilfegruppe suchen oder selbst gründen möchten. Auf diesem Basis-Angebot gehen diese Menschen dann aus eigenen Schritten weiter. Einen sogenannten Leitenden gibt es nicht in den Gruppen, in denen Gleichberechtigung großgeschrieben wird und der Gründer Impulsgeber ist. In der Kontaktstelle Mittelhof wird vor Eintritt in eine Selbsthilfegruppe nur ein Orientierungsgespräch mit dem Interessenten geführt, wenn es sich um eine den Bereich psychische Erkrankung betreffende Gruppe handelt. – Mit dem Ziel, die für ihn und seine Erkrankung wirklich bestgeeignete Gruppe zu finden. – Und sollte es doch einmal in einer Gruppe im Notfall einer Unterstützung und des Eingreifens von Außen bedürfen, steht hilfreich eine Supervisorin bereit. Wahr ist, dass viele Menschen, die überlegen, einer Selbsthilfegruppe beizutreten, erst einen Anstoß dazu brauchen. Das erklärt Alina Becker von der Kontaktstelle Mittelhof so: „Die Leute suchen nach Führung, sind das vom Schulsystem oder ihrer Arbeitssituation her oft so gewohnt.“ Diesen Anstoß kann die Kontaktstelle oder auch der Gründer einer Gruppe geben. Interessierte aber haben die Riesenchance, dank des großen Gruppenangebotes den richtigen Raum für sich und das sie betreffende Thema zu finden. Sie sollten diese Chance nutzen.

Foto: Scarlett Werth / Mittelhof e.V.
Foto: Scarlett Werth / Mittelhof e.V.

Gruppenangebote von Angehörige bis Ruhestand

Allein im Mittelhof e. V. gibt es aktuell 80 Selbsthilfegruppen, im Bezirk rund 160 zu den unterschiedlichsten Themen. Die Kontaktstelle vermittelt berlinweit Selbsthilfegruppen.

In die Villa Mittelhof kommen Gruppenteilnehmende auch von weiter her aus Brandenburg und Rathenow, ist dort das Angebot an Selbsthilfegruppen doch weitaus geringer als in der Großstadt Berlin. Die Teilnahme ist nahezu kostenfrei, lediglich 1,50 Euro „Stuhlgeld“ sind pro Selbsthilfestunde und Person vor Ort zu entrichten. In der Villa Mittelhof finden Kreise bei schönem Wetter auch im Garten statt. Die Selbsthilfeangebote reichen hier thematisch von Depression über Herzkrankheit bis Selbstfürsorge. Große Nachfrage besteht aktuell für Psyche, Angststörungen sowie Traumata betreffenden Gruppen, da im Gesundheitsbereich Psychotherapie-Plätze immer schwieriger zu finden sind. So bietet der Mittelhof u. a. auch Selbsthilfegruppen für hochsensible Eltern mit Neurodivergenz, für Eltern neurodivergenter Kinder sowie Gruppen zum Thema „Hochsensibel in der Großstadt“ und zur Traumabearbeitung zum Thema „Wenn Familie schadet“. Aber es gibt auch Gruppen für Pflegende und Angehörige. In Vorbereitung ist derzeit ein Angebot zum Thema Demenz-Beginn. Alina Becker von der Kontaktstelle betont, welches Ziel dem Mittelhof bei der Ausstellung seinen Gruppenangeboten besonders wichtig ist: „Wir wollen die Menschen damit unterstützen, lassen uns für die Themenauswahl aber von dem bestehenden Bedarf leiten.“

So ist ganz neu im Selbsthilfeprogramm die Männergruppe „Austausch und Freunde“ sowie die Männergruppe „Ruhestand“ für Männer Ü60, die noch fern von „Endstation Couch“ sind. – Denn gerade Männer tun sich oft schwer, ihre Probleme offen zu legen, sprechen leichter „unter sich“. Im Café der Villa Mittelhof startet indessen ein Häkeltreff für chronisch Erkrankte jeder Art. Und noch mehr spannende Selbsthilfeangebote warten:

Voraussichtlich: Ein Workshop zur Gruppe „ADHS 18-35-jährige“ soll am 21. September stattfinden. Ein Workshop zur Gruppe „Einsamkeit“ dann am 1. Oktober. Und für Frauen startet im 2. Halbjahr die Gruppe „Wut“. Ein vorbereitender Workshop dazu findet am 14. November statt. Weiter sind für das 2. Halbjahr etliche Infoveranstaltungen zum Thema Visionen in der Selbsthilfe geplant, dazu eine Veranstaltung am 25. November zum Thema Wünsche und Zukunftsvisionen.

Und was sind die Wünsche des Mittelhof-Teams? Die einstimmige Antwort: „Keine Kürzungen der Förderung, damit über uns noch viele Menschen ihren Erfolgsweg zur Selbsthilfe finden und einschlagen können.“

Weitere Informationen und Selbsthilfeangebote sowie Termine unter www.mittelhof.org/orte/beratungs-und-kontaktstellen/selbsthilfe-kontaktstelle/selbsthilfegruppen/

Wer Fragen zu oder Teilnahme-Interesse an bestimmten Selbsthilfegruppen oder Workshops hat, bitte (an)melden unter E-Mail selbsthilfe@mittelhof.org oder Telefon 030 80 19 75 14

Jacqueline Lorenz

Titelbild

© Gazette Verbrauchermagazin GmbH 2026