Dahlem
Naturoase Blätterlaube
Artenreicher Gemeinschaftsgarten nicht nur für Studierende

07.05.2026: Das Capitol Dahlem ist nicht nur jedem Filmfreund als wichtiger Kulturstandort im Bezirk bekannt. Gleich daneben befindet sich hinter grünem Blättervorhang ein ganz besonderes Paradies für Pflanze, Tier und Mensch, dem einen Besuch abzustatten, es ebenso lohnt: Die „Blätterlaube“ ist ein rund 500 Quadratmeter großer Gemeinschaftsgarten, der dank seines Artenreichtums und seiner Ökologie einen unverzichtbaren Lern- und Begegnungsort für Studierende und Schüler sowie für Nachbarn und Naturfreunde darstellt. Als naturnaher offener Bildungsgarten der Vernetzungs- und Mitmach-Initiativen SUSTAIN IT! und BLÜHENDER CAMPUS der Freien Universität (FU) Berlin zeigt er auf dem Campus Dahlem Ecke Thielallee/Otto-von-Simson-Straße in seiner Vielfalt modellhaft und anschaulich, wie biologische Vielfalt aktiv gestaltet und gefördert werden kann. Im Rahmen der bundesweiten Kampagne „Tausende Gärten – Tausende Arten“ wurde er dafür 2024 mit „Gold“ ausgezeichnet. Wer hier gezirkelte Blumenrabatten oder akkurate Gartenarchitektur mit stolpersicheren Wegen erwartet, wird eines Besseren belehrt, betritt er von der Otto-von-Simson-Straße aus unter einem Spalierbogen von künstlerisch vereinten Besenstielen diesen besonderen Grünort durch das einladend geöffnete Haupttor. Symbolhaft stehen die Stiele für Dutzende fleißige kleine und große Hände, die diesen besonderen Ort seit 2020 immer artenvielfältiger zu nachhaltiger Naturoase haben werden lassen.

Viele Hände im Einsatz für Artenreichtum und gesunde Ökologie
Eine, die diesen Ort von Anfang an wie ihre Unitasche kennt, ist Karola Braun-Wanke, Projektleiterin, Koordinatorin und Dozentin an der FU Berlin. Auch wenn oder gerade weil ihre Arbeitsschwerpunkte im Bereich und in der Konzeption der transformativen Bildungsformate wie beispielsweise die maßgeschneiderten Schüler:innenUni und in der Wissenschaftskommunikation liegen, weiß sie um die wichtige Bedeutung dieses Dahlemer Naturareals für die Bildungsarbeit und für die gesunde Entwicklung des Naturverständnisses junger Menschen. „Hier in der Blätterlaube als Draußenlernort werden Schulklassen anschaulich an Klimaschutz und Nachhaltigkeitszeile herangeführt und zum Mitmachen begeistert“, erklärt die Mitgründerin und wissenschaftliche Koordinatorin der Nachhaltigkeitsinitiative SUSTAIN IT! der FU Berlin, die als offene Aktions- und Vernetzungsplattform hier im Gemeinschaftsgarten handlungsorientierte Seminare, Workshops und Kunstaktionen ebenso bietet wie Veranstaltungen zu Themen, die der nachhaltigen Entwicklung dienen und dazu beitragen, dass die FU Berlin und Berlin – gerade was wilde Gartenvielfalt und Biodiversität betrifft – modellhaft nachhaltiger und zukunftsfähiger werden. Dabei kooperiert SUSTAIN IT! in der Blätterlaube ebenso mit dem Projekt BLÜHENDER CAMPUS, das sich der Förderung der Artenvielfalt und zukunftsfähigen Mahd auf dem FU Campus widmet, unterstützt u. a. von UniGardening, der Koordinationsstelle Natur-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung in Steglitz-Zehlendorf sowie von Imkern und Naturfachleuten.

Schau- und Modellgarten in Eigeninitiative
Dass auch ältere Menschen wie der 90-jährige Hans-Peter von nebenan sich in diesem Gartenformat wiederfinden, begeistert Naturfreundin Karola Braun-Wanke mindestens genauso wie der Anflug einer wilden Hosenbiene an diesem sonnigen Vormittag in der Blätterlaube.
Gezielt fliegt die in das große, dachbegrünte „Insektenhotel“, das Schulklassen aus dem Bezirk Modul für Modul naturfreundlich aus recycelten Materialien, Bambus und Naturholz zusammengefügt haben – insektengerecht und artgerecht konzipiert im Gegensatz zu vielen massengefertigten und wenig insektenfreundlichen Varianten aus dem Baumarkt. – In liebevoller Eigeninitiative geschaffen, wie so vieles in der Blätterlaube.

Etliche Wildbienenarten, Grabwespen und Insekten, die den Naturgarten mit seinen Nisthilfebauten für sich entdeckt haben, finden hier ein wahres Paradies vor: Sandarien bieten komfortable Wohnmöglichkeit, in der Hummelburg haben indessen gemütlich brummende Nachbarn Quartier bezogen – nach ihrem Auszug haben sich bereits ein paar Mäuse für die Unterkunft vormerken lassen. – Honigbienen sind hier nur indirekt vertreten: Ihre leeren Bienenkästen hat Imker Spethmann als Pflanzgefäße gespendet. Darin erblühen in kräftigen Farben Färberdistel und Färberkamille und bieten gemeinsam mit alten Heilkräutern wie Lavendel, Thymian und Salbei ein üppiges Insektenbüfett.
Die in Europa beheimateten Färberpflanzen, die in der vorindustriellen Zeit für die Buchmalerei und zur kommerziellen Produktion von Textil- und Künstlerfarben noch in jedem Kloster- und Bauerngarten standen, waren Mitte 19. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. In der Blätterlaube erleben sie ihr Comeback und vermitteln in Workshops alte Kulturtechniken des Färbens. Gewollt unauffälliger als die farbintensiven Färberpflanzen liegt gleich neben hölzerner, als Mini-Pendant zu FU-Silber- und Rostlaube erbauter Blätterlaube unter dichten Bodendeckern versteckt der Igeltunnel, der zu einem undurchdringbaren Totholz- und Laubhaufen führt. Sicherer Winterschutz für die immer seltener werdenden Stacheltiere, und entstanden in Kooperation mit dem Netzwerk Igeltunnel.

Eine alte Kabelrolle dient als Tisch, ausrangierte Naturfliesen und Steine leisten passend in Form gebrochen unterschiedlichste Dienste im Naturgarten. Echsen danken den Unterschlupf ebenso, wie Fledermäuse und Vögel die Stämme toter Bäume, die eigens für sie und andere Unterschlupf suchende Individuen stehen gelassen werden. Und dann sind da drei unterschiedlich große Teiche, die Libellen, Molche und Froschlaich bergen sowie Mückenlarven als Kinderstube dienen. Vom benachbarten Kinobau des Capitol führt vom Dach ein Regenwasser-Fangrohr unterirdisch zum Regenwasserrückhaltebecken, aus dem die Gartenbewässserung gewonnen wird. Vorsorglich sind am Beckenrand Äste als Ausstiegshilfe für evtl. hineingefallene Tiere verteilt. Schaubeete, Schmetterlingsspirale und Trockenmauern liefern Gartenbesuchern naturfreundliche Anregungen für den eigenen heimischen Garten.

„Wohlfühlort, hautnah an der Natur“
nennt Karola Braun-Wanke die Blätterlaube, in der man unter schattigem Blätterdach der Bäume auch einfach mal relaxen, sich von stressiger Vorlesung erholen oder an heißen Sommertagen Abkühlung finden kann. Auch an Bänke und tier- bzw. ausräumsichere Mülleimer wurde gedacht. Nun könnte man sich eigentlich zufrieden zurücklehnen ob eines so nachhaltigen Gartenprojektes im Bezirk. Doch es fallen bittere Tropfen in die Naturgartenidylle: Unsicher ist, was zukünftig aus dem Areal werden wird, auf dem sich Capitol und Blätterlaube befinden. Bis jetzt konnte – laut Grüne Fraktion – der Senat keine Zusicherung für die Zukunft dieser FU-Liegenschaften geben, auf denen Capitol und Blätterlaube stehen. Sie bleibt ungewiss, auch wenn die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege verlauten ließ, ein Verkauf sei nicht geplant. Über die zukünftige Nutzung des Geländes lagen zu Redaktionsschluss jedoch keine belastbaren Informationen vor.

Doch einig sind sich Kino- und Gartenfreunde: Weder das seit 80 Jahren als wichtiger Kulturstandort etablierte Capitol Dahlem noch die Blätterlaube als ökologisch und artenreicher Gemeinschaftsgarten und unverzichtbarer Lern- und Begegnungsort für Studierende, Schüler und Nachbarn sind an anderer Stelle vorstellbar, müssen vielmehr eine Zukunft an altem Standort zugesichert bekommen.
Interessenten, die sich an dem naturnahen Projekt Blätterlaube beteiligen möchten oder Fragen haben, können sich an folgende E-Mail-Adresse wenden: sustain-it@fu-berlin.de
Weitere Informationen zur Blätterlaube unter www.fu-berlin.de/sustain-it
Jacqueline Lorenz



