Steglitz
Zwischen Widerstand und Schweigen
Gedenkstele an der Markus-Kirche über die Rolle der Steglitzer Protestanten in der NS-Zeit
01.05.2026: In der Zeit des Nationalsozialismus war Steglitz nicht nur eine Hochburg der NSDAP, sondern auch ein Schauplatz des kirchlichen Widerstands. Doch dieser Widerstand hatte seine Grenzen. Um an dieses komplexe und oft widersprüchliche Kapitel der Bezirksgeschichte zu erinnern, wird am 7. Mai um 15.30 Uhr in der Albrechtstraße 81A eine neue Informationsstele vor dem Gemeindehaus der Markus-Kirchengemeinde enthüllt.
Der Standort der von Karin Rosenberg gestalteten Stele ist historisch bedeutsam: Vom 23. bis 26. September 1935 tagte im dortigen Gemeindehaus die dritte Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union. Damals tobte ein erbitterter „Kirchenkampf“ zwischen den regimetreuen „Deutschen Christen“ und der oppositionellen „Bekennenden Kirche“. Viele Steglitzer Geistliche zeigten in dieser Zeit Zivilcourage. Neun von elf Pfarrern im Bezirk schlossen sich der Opposition an, um gegen den Totalitätsanspruch der Nationalsozialisten und die Anwendung des „Arierparagraphen“ innerhalb der Kirche zu protestieren.
Doch der Text der neuen Stele erinnert nicht nur an den theologischen Mut, sondern auch an das politische Schweigen der Kirchenvertreter. Nur einen Tag, bevor die Synode eigentlich in Königsberg stattfinden sollte, erließen die Nationalsozialisten die rassistischen „Nürnberger Gesetze“. Daraufhin wurde das Treffen kurzfristig nach Steglitz verlegt. Obwohl die engagierte Studienrätin Dr. Elisabeth Schmitz in einer erschütternden Denkschrift forderte, die staatliche Judenverfolgung auf der Synode zu verurteilen, weigerten sich die Kirchenvertreter, dieses Thema zu verhandeln.
Nach heftigen internen Debatten rang sich die Versammlung lediglich dazu durch, die christliche Taufe von Juden innerhalb der evangelischen Kirche weiterhin anzuerkennen. Zu den neuen Rassegesetzen schwieg die Synode jedoch komplett. Die Stele dokumentiert dieses historische Fazit schonungslos als „theologische Entschiedenheit bei politischer Entsagung“.
Die Tagung im September 1935 war die letzte reguläre Synode dieser Art. In den Jahren 1938 und 1939 folgten noch zwei weitere Treffen an der Albrechtstraße, die dann jedoch bereits in der Illegalität stattfinden mussten. Die Stele lädt dazu ein, an diesem authentischen Ort innezuhalten und sich mit der Steglitzer Kirchengeschichte auseinanderzusetzen.



