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Gesundheit

Abnehmspritze per Mausklick

Wie Online-Plattformen Medikamente an alle verkaufen – nicht nur an die, die sie brauchen

26.03.2026: Der Hype um Wegovy und ähnliche Abnehmspritzen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was als Medikament für schwer adipöse Menschen zugelassen ist, wird zunehmend auch von Normalgewichtigen genutzt – und offenbar ist das erschreckend leicht möglich.

Die Verbraucherzentrale NRW hat zwischen dem 2. und 11. März 2026 zehn deutschsprachige Telemedizin-Plattformen unter die Lupe genommen, auf denen sich die Abnehmspritze ohne verpflichtendes Videogespräch mit einem Arzt bestellen lässt. Das Ergebnis ist beunruhigend: Bei vier der untersuchten Plattformen mussten die Testkäufer weder ihre Identität noch ihr Körpergewicht nachweisen. Auf fünf weiteren genügte es, das eigene Gewicht im Online-Fragebogen einfach so anzupassen, dass der erforderliche Body-Mass-Index auf dem Papier erreicht wurde – und schon wurde ein Rezept ausgestellt.

Zwei Plattformen verlangten immerhin Fotos als Beleg, etwa ein Ganzkörperbild und ein Foto der Waage. In einem Fall wurden diese Nachweise kurzerhand per Künstlicher Intelligenz erstellt und problemlos akzeptiert. Beim anderen Anbieter fiel das KI-Bild auf. Vollständige Sicherheit bietet also auch das nicht.

Projektleiterin Gesa Schölgens von der Verbraucherzentrale NRW bringt es auf den Punkt: „Das zeigt, dass die Kontrollmechanismen nicht ausreichend sind.“ Aus ihrer Sicht ist die Praxis, Rezepte allein auf Basis leicht manipulierbarer Online-Fragebögen auszustellen, rechtlich unzulässig. Das ärztliche Berufsrecht erlaubt Fernbehandlungen nur dort, wo ein persönlicher Kontakt medizinisch nicht nötig ist – bei einem verschreibungspflichtigen Medikament mit ernsthaften Nebenwirkungen sei das kaum zu rechtfertigen.

Denn die Risiken sind real. Wegovy, das bekannteste dieser Präparate mit dem Wirkstoff Semaglutid, kann neben Übelkeit und Erbrechen auch Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder allergische Reaktionen auslösen. Wer sich das Mittel ohne ärztliche Begleitung spritzt, trägt diese Risiken allein – oft ohne zu wissen, worauf er sich einlässt.

Auch die Stiftung Warentest hat sich zuletzt mit dem Thema befasst und 17 Abnehmmedikamente mit vier verschiedenen Wirkstoffen bewertet. Fazit: Nur zwei der Wirkstoffe überzeugten – und das auch nur in Kombination mit echten Lebensstiländerungen. Die Tester warnen ausdrücklich vor einer Einnahme ohne ärztliche Aufsicht, auch weil Langzeitfolgen noch weitgehend unerforscht sind.

Der vollständige Testkaufbericht der Verbraucherzentrale NRW ist unter www.verbraucherzentrale.nrw/node/118543 abrufbar.

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