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In der Villa Oppenheim mit „Susi“ gegen das Vergessen

Ausstellung für Schüler thematisiert die Judenverfolgung durch die Nazis

Erschienen in Gazette Charlottenburg Mai 2019
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Das Buch ist im Museum und im Handel erhältlich: „Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ von Brigitta Behr, Verlag arsEdition, 112 Seiten, 15.- €, ISBN: 978-3-8458-1525-1.
Das Buch ist im Museum und im Handel erhältlich: „Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ von Brigitta Behr, Verlag arsEdition, 112 Seiten, 15.- €, ISBN: 978-3-8458-1525-1.

„Susi, die Enkelin vom Haus Nr. 4“ heißt die aktuelle Sonderausstellung im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich besonders an junge Menschen ab 10 Jahren wendet. Sie erzählt in der Bildsprache einer Graphic Novel die wahre Geschichte des jüdischen Mädchens Susi Collm aus Berlin-Wilmersdorf, das gemeinsam mit seinen Eltern Steffy und Ludwig Collm im Oktober 1942 untertauchte. Verfolgt durch das nationalsozialistische Regime, überlebte die Familie dank eines gut funktionierenden Netzwerks von Helfern.

Die Ausstellung ist eine vielstimmige Auseinandersetzung mit dieser Geschichte. Sie gibt aus unterschiedlicher Sicht Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus und schlägt gleichzeitig eine geschichtliche Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Verständlich durch die Bildsprache und als hoffnungsvolle Botschaft von der Berliner Lehrerin, Autorin, Illustratorin und Filmemacherin Brigitta Behr formuliert, werden die Erlebnisse der Familie erfahrbar vermittelt aus der Sicht von Susi, der Enkelin vom Nikolsburger Platz 4. Für deren Großmutter Gertrud Cohn ist an dieser Stelle ihres letzten Wohnortes ein Stolperstein verlegt, der an ihr Schicksal und ihre Ermordung in Treblinka erinnert. Gleichzeitig mahnt er zur Wachsamkeit, da so Unmenschliches wie die Judenverfolgung nie wieder geschehen darf.

Lebendiges Ausstellungsprojekt dank vieler Engagierter

In direkter Nachbarschaft am Nikolsburger Platz 5 liegt in Charlottenburg die Cecilien-Grundschule. Sie hat sich der Gedenkarbeit verschrieben und die Patenschaft für elf in dieser einst von der jüdischer Bevölkerung bevorzugten Wohngegend verlegten Stolpersteine übernommen. Eine der Lehrkräfte aus der dazu gegründeten Geschichtswerkstatt ist Brigitta Behr. Mit ihrem 2016 in Form eines Comics erschienenem Buch zum Thema Judenverfolgung spricht sie Kinder gefühlsmäßig an. Das Buch ist im Handel und gleichzeitig erfolgreiches Unterrichtsmaterial sowie Grundlage der Ausstellung. Inzwischen gibt es „Susi“ von Brigitta Behr auch als Theaterstück und als Film. Einzelne Filmsequenzen werden im Rahmen der Ausstellung gezeigt.

Stefan Collm, ein Nachfahre der Familie und Stiefbruder von Susi, hat zum Projekt neben wertvollen Erinnerungen aussagekräftige Familienarchiv-Dokumente und – Gegenstände zur Verfügung gestellt, vom Reisepass bis zu letzten bewegenden Briefen der Großmutter. Und das Museum steht mit seinem Fachteam und viel Hintergrundwissen als Lernbegleitung hinter jungen wie älteren Ausstellungsbesuchern, hinter Schülern wie Lehrern. Es beantwortet aufkommende Fragen nach dem historischen Hintergrund der Lebensgeschichten und Schauplätze.

An der Team-Spitze stehen Kultur-Fachbereichsleiterin Elke von der Lieth und Museumspädagogin Dr. Nicola Crüsemann. In ihrem Haus werden regelmäßig zu den laufenden Dauer- und regulären Ausstellungen jugend – und schulbezogene Workshops angeboten sowie Handreichungen und Lehrkräfteschulungen zu speziellen Themen. Beliebt ist auch für kleine Leute ab 4 Jahren der sechsmal im Jahr stattfindende „Museumsspaß“.

Frau von der Lieth erklärt stolz zur Sonderausstellung, die thematisch so gut in die Charlottenburger Gegend und die geschichtsträchtige Villa Oppenheim passt: „Diese Ausstellung ist unsere erste direkt für Kinder und Jugendliche konzipierte. Und das Echo ist groß.“ Auch hierzu stehen spezielle Handreichungen und Arbeitsmaterialien zur Verfügung, die Grundschul- und Oberschul-Pädagogen ansprechen. Sie liefern Anregungen zur Vor- und Nachbereitung in den einzelnen Unterrichtsfächern und haben Lehrplanbezug. „Denn die Projekte sollen nicht in der Wurzel steckenbleiben, sondern weiterwachsen“, wünschen sich die beiden Museums-Fachfrauen. Sie sind froh über Rückmeldungen aus Klassen, welche die akribisch vorbereitete Sonderausstellung besucht haben und daraus nun weitere Arbeitsideen entwickeln.

Dr. Crüsemann erklärt weiter: „Aber natürlich wollen wir hier im Haus alle ansprechen, auch die Älteren und Familienmitglieder.“ Deshalb freuen sich beide Fachfrauen, wenn Schüler später noch einmal mit ihren Eltern wiederkommen. Für fachliche Begleitung hier im Haus ist reichlich gesorgt, sowohl an Schulprojekttagen als auch bei Privatbesuchern: Sei es durch so empathische Moderatoren wie Sophie Paleiter oder durch Dr. Crüsemann selbst. Ob sich beide weitere ähnliche Projekte in den Museumsräumen vorstellen könnten: Ein einstimmiges JA, mit dem Ziel, bereits in den noch jungen Schüler-Köpfen Toleranz und Akzeptanz religiöser und kultureller Vielfalt fest zu verankern, hervorgegangen aus Verstehen und Verständnis.

Lebendiges Museum von morgen

Das Ausstellungs-Projekt „Susi, die Enkelin von Haus 4“ erzählt die Geschichte aus Tagen der nationalsozialistischen Verfolgung. Sie trägt damit wichtige Erinnerungskultur in unsere Zeit, in der die Zahl erfahrener Zeitzeugen alterbedingt immer weiter abnimmt.

Mit ihrem Rundgangformat und dem ansprechenden Interieur ist die Ausstellung besonders auf Schülerinnen und Schüler der Klassen 4 bis 10 ausgerichtet.

An einem Vormittag ist die Klasse 6a der Katholischen Herz Jesu-Schule Berlin mit Lehrerin Marion Leinen in Susis Ausstellung zu Besuch:

Mit einem Zeitsprung, der am Stolperstein beginnt, geht es von 2019 zurück ins Berlin der 30er-Jahre. Susi wurde 1938 geboren. Auf dem Stadtplan aus der damaligen Zeit ist die Synagoge eingezeichnet. Die weitere Route durch die Ausstellung führt über die Quartiere der Familie Collm. Sehr persönlich wirkt alles, alte Fotografien, Hörstationen, persönliche und Gegenstände aus dem täglichen Leben erleichtern die Identifikation mit Susi und ihren Familienmitgliedern. Bildszenen lockern auf. Auch die Helfer der Familie haben ein Gesicht. In kleinen Kästen finden sich wichtige Zusatzinformationen zur Geschichte. Der Ausstellungs-Parcours entlang des rot-weißen Fadens endet schließlich in dem nachgebauten kleinen Schokoladen-Laden. Den hatte die erwachsene Susi später mit ihrem Mann in Amerika eröffnet

Jeder Schüler erhält ein begleitendes Arbeitsheft, zusätzliche Arbeitsbögen gibt es ebenfalls. Das regt dazu an, an jeder Ausstellungs-Station noch genauer hinzuschauen. Je nach Klassenstufe sind die Fragen und Anforderungen formuliert. Themen wie Antisemitismus, Ausgrenzung, Flucht und Verfolgung können so analysiert und diskutiert werden.

Wer gut vorbereitet ist, hat mehr von „Susi“

Die Besuchsklasse an diesem Tag ist beispielhaft. Gut vorbereitet ist sie, hat bereits das Buch zur Ausstellung durchgearbeitet und ist für die Thematik bestens sensibilisiert. Gerade lesen die 22 Schülerinnen und Schüler „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Viele Fragen zur damaligen Zeit hat die erstaunlich konzentriert arbeitende Klasse nach fast zwei Stunden in der Ausstellung. Sie will aber auch wissen: Was hat Susi in ihrer Freizeit gemacht? – Mit wem hat sie wohl gespielt?

Lehrerin Leinen leitet geschickt auf die heutige Zeit über: „Würdet Ihr auch Menschen in Not aufnehmen, wie sieht es mit Flüchtlingen aus? Hättet Ihr Bedenken oder gar Angst?“ Die Beantwortung der Fragen ist nicht einfach, richtig oder falsch gibt es da kaum. Doch allein das Nachdenken darüber führt bei den Sechstklässlern zu einem erstaunlichen Maß an Toleranz und Verständnis. Ihre Antworten zeigen das. Abschließend mahnt ihre Lehrerin: „Denkt daran, wir alle sind überall Ausländer!“ Lehrerin und Schüler sind sich einig: Eine tolle Ausstellung, die trotz des ernsten Themas viel Spaß macht und Neues anschaulich näherbringt.

„Du musst mich weitererzählen, damit die Welt nicht verloren geht.“ bittet das Haus 4 in der Ausstellung. Und die Schüler haben verstanden und versprechen: „Susis Geschichte darf nicht verloren gehen, WIR werden sie weitererzählen.“

Auch Autorin Brigitta Behr weiß als Lehrerin um die Wichtigkeit ihrer Ausstellung. Nicht nur sie wünscht sich, dass „Susi“, wenn sie an andere Museumstüren klopft, geöffnet wird und sie auch dort ihre Geschichte erzählen kann. Um möglichst viele Schüler erreichen zu können, liegt es Brigitta Behr am Herzen, die Ausstellung noch an vielen weiteren Orten präsentieren zu können. Wegen des bestehenden Interesses möchte sie aber erst einmal eine Verlängerung über das geplante Ausstellungsende am 16. Juni 2019 hinaus in der Villa Oppenheim erreichen.

Begleitend zur Sonderausstellung gibt es im Haus interessante Veranstaltungen wie Zeitzeugengespräche, mobile Ausstellungen des jüdischen Museums, Workshops zur Erarbeitung des historischen Hintergrundes oder zum Thema Rassismus.

Brigitta Behr ist für Ideen und Vorschläge zu weiteren Ausstellungsorten zu erreichen unter Tel. 0176 209 17 584.

Jacqueline Lorenz

Bildungsangebote zur NS-Zeit

Kombinierte Bildungsangebote zur NS-Zeit, Erinnerungspolitik, Demokratieverständnis und vielfältiger Gesellschaft gibt es vom Netzwerk „Geschichte in Bewegung“ www.geschichte-in-bewegung.de

Das Netzwerk „Geschichte in Bewegung“ besteht aus mehreren unterschiedlichen Einrichtungen und Orten:

  • 7xjung – www.7xjung.de
  • Gesicht Zeigen! – www.gesichtzeigen.de
  • Anne Frank Zentrum – www.annefrank.de
  • Haus der Wannsee-Konferenz – www.ghwk.de
  • Jüdisches Museum Berlin – www.jmberlin.de
  • Jugend Museum – www.jugendmuseum.de
  • Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus – www.kiga-berlin.org
  • Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt – www.museum-blindenwerkstatt.de
  • Gedenkstätte Stille Helden – www.gedenkstaette-stille-helden.de
  • Museum Berlin-Karlshorst – www.museum-karlshorst.de

Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4

Museum Charlottenburg-Wilmersdorf
in der Villa Oppenheim
Schloßstraße 55/Otto-Grüneberg-Weg, 14059 Berlin

Ausstellung bis 16. Juni 2019, Di – Fr 10 bis 17 Uhr, Sa, So und Feiertage 11 bis 17 Uhr.

Eintritt frei. Der Zugang ist barrierefrei.

Weitere Informationen und Programm: www.villa-oppenheim-berlin.de

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