
Neue Socken sind an zwei Stellen zusammengeheftet und oft noch mit einer Metallklammer verbunden. Spätestens nach dem ersten Waschen wird klar, warum: Vollkommen losgelöst finden Socken nur noch sehr schwer zusammen, nicht selten verschwindet eine sogar für immer.
Es ist eines der ungelösten Rätsel dieses Universums, das Socken-Mysterium, in der Wissenschaft auch als SSPh bezeichnet, Single Socks Phenomenon. Wir alle kennen das Drama, das nach jedem Waschgang seinen Lauf nimmt: verzweifelte Suche nach der zweiten Socke, ungläubiges Kopf schütteln, resigniertes Ablegen der Zurückgebliebenen in irgendeinem Korb, wo sie dann - ob gestreift oder gepunktet, weinrot oder grellgrün, mit Bärchen, Blümchen oder Monstern - zum Single-Dasein verdammt ausharrt. Ein neuer Partner kommt meist nicht in Frage: eine Spongebob-Socke gepaart mit Bart Simpson oder schwarzer Feinstrick mit weißer Baumwolle - das geht einfach nicht zusammen.
Socken verschwinden, weitweit und regelmäßig. Aber wohin? Erklärungsversuche - mehr oder weniger wissenschaftlich fundiert - gibt es viele. Es liegt nicht an den Socken, sondern an uns, sagen beispielsweise die Rationalisten: Beim Sortieren der Wäscheberge bleibt eine Socke hängen, und das Gegenstück wandert allein in die Waschmaschine. Eine unbefriedigende Antwort, denn dann würde das Paar auf jeden Fall irgendwann wieder zusammenfinden. Auch mit der Vermutung, dass sich Socken gern in den Zipfeln von Kopfkissen und Bettbezügen verstecken, haben die Rationalisten nur bedingt recht, denn spätestens beim Bettenbeziehen würde die zerknitterte Gesuchte uns freudig entgegenspringen.
Misstrauische vermuten einen Komplott der Sockenindustrie hinter dem Verschwinden: Bei jeder zweiten Socke, so meinen sie, würde zwecks Umsatzsteigerung das Garn präpariert, auf dass es sich bei hoher Feuchtigkeit und Wärme einfach auflöse. Das würde auf ein gewisses kriminelles Potenzial hindeuten, ist aber eher unwahrscheinlich: Menschen mit Schweißfüßen stünden abends dann nur noch mit einer Socke in ihren Schuhen. Bleibt die spannende Theorie eines Paralleluniversums. Wenn sich das Raum-Zeit-Kontinuum einer anderen Dimension mit dem unserer Erde genau in dem Moment überschneidet, wenn in der Waschmaschine durch die hohe Rotationsgeschwindigkeit ein Loch in der Zeit entsteht, dann könnten kleinere Teile, wie es Socken nun mal sind, durch dieses Loch in eine Parallelwelt entschlüpfen. Das würde zumindest erklären, warum sie nie wieder auftauchen! Die Wissenschaft blieb uns bislang aber leider den endgültigen Beweis schuldig.
Was sagt eigentlich die Waschmaschinenindustrie zu dem Problem? Sie sieht es, wie nicht anders zu erwarten, recht nüchtern und vermutet das Paralleluniversum in der Nähe der Trommel. Durch die Schleuderbewegung könne, so die Experten, zwischen Gehäuse und Trommel ein Spalt entstehen, durch den die Socke dann ins verborgene Maschineninnere entschwindet. Deshalb empfehlen sie, Socken nur in einem Waschnetz oder mit Sockenklammern in die Waschmaschine zu geben. Wer das seinen Socken nicht zumuten will (oder wem das schlicht zu langweilig ist), der kann nun wie bisher verfahren, im Internet aber ein Socken-Abo abschließen: In regelmäßigen Abständen kommt dann ein nigelnagelneues Paar Socken ins Haus. - Über die nicht in der Parallelwelt verschwundenen Socken freut sich dann ein Kindergarten Ihrer Wahl, wo aus den Singles niedliche Strumpfpuppen oder grässliche Sockenmonster entstehen.
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