Zucker ist ein Mythos. Bis vor rund 200 Jahren war das „weiße Gold“ noch eine seltene Kostbarkeit. Zucker – damals ausschließlich aus Zuckerrohr gewonnen – konnten sich nur ganz wenige Superreiche leisten. Vielleicht stammt aus dieser Zeit die in unserer Sprache so häufig verwendete Wendung mit „süß“ und wohltuend, aber auch sündhaft, ja geradezu lasterhaft. Das „süße Leben“ ist reiner Müßiggang und die „süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere“, bleiben also unstillbare Sehnsucht.
Dabei ist die Exotik des Zuckers schon lange passé. Mit der Entdeckung der heimischen Rübe als ertragreiche Zuckerquelle begann seine Verbreitung in bald alle Haushalte. 1852, 50 Jahre nach Eröffnung der ersten Zuckerrübenfabrik, betrug der pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland 12 Kilogramm, heute sind es rund 39 Kilogramm. Das heißt, im Durchschnitt isst jeder Deutsche 38 Zuckerwürfel – jeden Tag!
Allerdings: Nur 16 Prozent des täglichen Zuckerverbrauchs besteht aus den sichtbaren weißen oder braunen Kristallen, die wir zu Hause in Kaffee, Tee oder Speisen rieseln lassen. Der große Rest steckt in Süßigkeiten, Backwaren (auch in Salzgebäck!) und Getränken sowie in Konserven und Fertiggerichten. Zucker findet sich in fast allen industriell hergestellten Nahrungsmitteln, auch dort, wo er aus Geschmacksgründen nicht sein müsste, zum Beispiel im Vollkornbrot, das ohne Maltose nicht so schön dunkel aussehen würde. Auch in der Wurst steckt Zucker (meist in Form von Dextrose) nur der Optik wegen und weil sie sich dann besser schneiden lässt.
Zucker ist heute so weit verbreitet, dass wir alle mehr davon konsumieren, als unser Körper braucht – ganz gleich, welche nationale oder internationale Empfehlung zum Maßstab genommen wird. Denn aus gesundheitlicher Sicht brauchen wir überhaupt keinen Zucker: weder Bonbons noch süße Kuchen oder Limonade; übrigens auch keinen Traubenzucker als angeblichen Energieschub für Sportler und Denker. Die Glucose, die der Körper als Energielieferant und für eine optimale Gehirntätigkeit benötigt, holt er sich in ausreichender Menge und in viel besserer „Verpackung“ aus komplexen Kohlenhydraten. Dazu gehören Vollkorngetreideprodukte, Hartweizennudeln (al dente gekocht), Kartoffeln, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte.
Zucker ist also ernährungsphysiologisch überflüssig. Aber ist er auch ungesund? Die Antwort hängt zum einen von der Dosis und zum anderen von möglichen Vorerkrankungen oder Unverträglichkeiten ab. Wer dauerhaft große Mengen Zucker konsumiert, setzt seinen Stoffwechsel unter Dauerstress und riskiert Übergewicht und Altersdiabetes. Zucker kann aber auch schon in kleinen Mengen schädigend wirken, zum Beispiel bei Menschen, die starke Antibiotika nehmen und dadurch anfällig sind für Mykosen (Pilzbefall).
Andrea Ulrich
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